Sozialmaschine Geld

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Die Kulturgeschichte dokumentiert den Wandel der Geldwirtschaft vom Mittelalter bis zum Abkommen von Bretton Woods 1944 (Einführung des US-Dollar als Leitwährung), und zwar als eine Geschichte der "zunehmenden Abstraktion": "Die Geistesgeschichte des Geldes (ist) eng an das Denken reiner Quantitäten gebunden, das sich sowohl in den logischen Prinzipien wie der Übernahme und Entfaltung der Arithmetik ab 1200 zeigt: Man muss z.B. das Prinzip der Wechselkurse verstehen, um in einer monetären Gesellschaft überleben zu können. Gleichzeitig ist aber die sozio-kulturelle Geschichte des Geldes auch eine der zunehmenden Abstraktion: Je mehr sich eine eigene Welt des Geldgebrauchs entwickelt, die von abstrakten Quantitäten beherrscht wird, je mehr Geld als Rechnungseinheit und nicht als substantielle Münze erscheint, desto mehr koppelt sich das Alltagsverständnis davon ab.

Hier fange ich immer an, an eine Frauenwährung zu denken, die diese Abstraktion und die damit verbundene Entfremdung wieder zurücknimmt.  

Anders als in jenen Zeiten, als Lohntüten mit Bargeld überreicht wurden und es mit diesem Geld in überschaubarer Weise bis zum nächsten Zahltag auszukommen galt, und als der Warenverkauf ausschließlich über Laden- und Marktgeschäfte innerhalb bestimmter Öffnungszeiten abgewickelt wurde, hat nämlich heutzutage das strukturelle Ineinandergreifen von Bankautomaten, Kreditkarten, Homebanking, Bring-Service ("Pizza-Taxi") und Versandhandel via Internet die örtlichen und zeitlichen Parameterbeziehungen der Alltagsökonomie weitgehend aufgelöst.

Denn durch die Globalisierung und Liberalisierung des Handels, die Beschleunigung des Transportwesens, durch agrarindustrielle Gewächshäuser und durch die Tiefkühltechnik sind schon längst einst nur saisonal angebotene Waren heute immer und überall zu kaufen – frische Erdbeeren im europäischen Winter und Fleisch vom Wild mitten im Hochsommer. Irgendwo auf dieser Erde kann man zu jeder Jahreszeit Ski laufen oder im Meer baden. Spezialisten bieten auch die Erfüllung der ausgefallensten Wünsche an.

Die Ausweitung einer Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen jederzeit, überall und von überall her erfordert auch eine entsprechende permanente orts- und tageszeitungsabhängige, ebenso währungsunabhängige Verfügbarkeit des Abnehmers einer Ware über seine persönlichen Zahlungsmittel bzw. eine global-technologische Konzeption von Abrechnungsmodalitäten, und natürlich deren Akzeptanz: Der Reisende muss sich darauf verlassen können, dass seine Traveller-Schecks auch in Timbuktu eingelöst werden und dass er mit seiner Kreditkarte ebenso die Hotelrechnung in einem kleinen griechischen Bergdorf bezahlen kann.

Was ist, wenn auch diese Vernetzung wieder lokalisiert wird, wenn wir als Kriterium für den multi-sozialen Blick, die Überblickbarkeit mit hineinnehmen??

Jegliche soziale und multi-soziale Vernetzung hat mithin das Funktionieren einer geldtechnischen Vernetzung als Voraussetzung – so gibt es z.B. höchst richterliche Urteile, dass Sparkassen und Banken einem Arbeitslosen bzw. Sozialhilfeempfänger nicht so ohne weiteres die Einrichtung eines Girokontos verwehren dürfen, weil heutzutage bestimmte Begleichungen nur noch bargeldlos abgewickelt werden können, der Betreffende somit eine diskriminierende soziale Ausgrenzung und eine Verwehrung seiner bürgerlichen Rechte der Teilnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Leben erführe. Höchstens kann man ihm verweigern, das Konto überziehen zu dürfen. Allerdings waren noch nie so viele Privathaushalte verschuldet wie in unserer Zeit – konnte man früher allenfalls Opas goldene Taschenuhr im Pfandhaus versetzen, drängen heute Banken wie Autohäuser Kredite und Leasing-Verträge ihren Kunden höchst leichtfertig auf.

Auch hier scheinen sowohl die Kreditnehmer, als auch die Kreditgeber den Ü b e r b l i c k  verloren zu  haben. Auch das spricht für eine Zurücknahme des Maßstabes, für eine Zurücknahme des Abstraktionslevels..!

 Innerhalb der gesamten volkswirtschaftlichen Abläufe werden bekanntlich immer seltener reale Geldmengen vom Einzahler zum Empfänger bewegt, stattdessen in zunehmenden Maße entsprechende Datenmengen, die als Gutschrift oder Lastschrift visualisiert werden. Dabei hat die Abbuchung vom Konto durch die persönliche Anonymität und durch den technischen Cha rakter des Vorgangs einen hohen Abstraktionsgrad im Vergleich mit dem herkömmlichen "Cash and carry"-Prinzip – ein Rechnungsbeleg oder Kontoauszug dokumentiert die Äquivalenz-Werte eines Tauschvorgangs in arithmetischen Zeichen, die lediglich eine Zahlenmenge darstellen, aber kein substantielles, sinnlich fassbares Volumen – reales Geld hat hingegen ein physisch spürbares Gewicht, eine geschriebene oder gedruckte Zahl nicht. Die bargeldlose Verschaltung hat damit auch einen anderen sozialen Charakter als z.B. der "Tante Emma-Laden" oder der Wochenmarkt, die auch im Zeitalter des virtuellen Supermarkts wegen ihrer Möglichkeit zu kommunikativen Direkt-Kontakten und wegen ihres Flairs weiter existieren.

Wir sollten Zahlungsmittel wieder f ü h l e n lernen. Dann halt Geld auch wieder einen Wert! 

Die alphabetisierenden Termini "Gutschrift" und "Lastschrift" wurden aus einer sozialen Kommunikationssituation, in der ein Kaufmann oder Gastwirt die Rechnung oder Zeche "anschreibt" und dann die Tilgung einer Schuld schriftlich quittiert, in das Zeitalter computerisierter Geschäftsabwicklungen übernommen, wiewohl hier allerdings nicht mehr im eigentlichen Wortsinne geschrieben, sondern genau genommen nur noch eingetippt und ausgedruckt wird

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